Ein Grabstein, ein Kirchenbuch und was sie erzählen: Von Pfarrer, Lehrer und ihren Familien zur Zeit des Kirchenbaus

An der Rückseite der Köpperner Kirche, neben dem Eingang zur Sakristei, sind zwei Grabsteine aus Sandstein an der Wand befestigt, die vor 90 Jahren bei Grabungsarbeiten hinter der Kirche gefunden worden waren. Der „jüngere“ Stein mit Blumen- und Rankenschmuck ringsum ist Johann Kilian Höck gewidmet, der zur Bauzeit der Kirche Lehrer in Köppern war. Die Inschrift mit den Eckpunkten seines Lebens in Köppern lautet (mit Ergänzungen zur Verständlichkeit): 

Alhier ruht in Gott H. Joh. Kil. Höck, geb. 1681, d. 19. März, nahm zur Ehe An. Marg. Fuchsin 1703. Ward Schulmeister alhier 1706. Wittb. (Witwer) 1723. 

Nahm zur 2. Ehe Joh. Cath. Scharlachin. C.a. (im gleichen Jahr) Diese starb seelig 1749.

Zeugete 16 Kinder worvon er 7 hinterliese. Sahe Kindeskinder XI (11 Enkel).

Starb seelig 1753.

Aet. 72 An. 8 M. Off. 47 an. (Aus dem Lateinischen: Im Alter von 72 Jahren, 8 Monaten, im 47. Dienstjahr)

Dieses setzte seinem s. Vatter zum Gedächtnis dessen Sohn 2. Ehe Johann Christian.

Weitere Informationen über diese große Lehrerfamilie sind u.a. im ältesten Kirchenbuch, das noch in der Gemeinde vorhanden ist, zu finden, ebenso wie über Pfarrer Orth und seine Familie, der beim Kirchbau und allen vorausgehenden Planungen für die Kirchengemeinde zuständig war. 

Johann Jacob Orth war der dritte Pfarrer seitdem Köppern 1684 selbständige Kirchengemeinde und unabhängig von der Mutterkirche Seulberg geworden war. Sein erster Eintrag in die Liste der fünf Pfarrer, die das Kirchenbuch von 1676 bis 1743 führten, ist kurz und knapp: „Anno 1704 bin ich J. J. Orth an hier kommen, den 14. Tag nach Pfingsten“.

Er muss wohl mit seiner schwangeren Frau im Frühjahr hierhergezogen sein, denn im September wird Sohn Conrad ins Taufregister eingetragen „Conrad, mein Joh. Jac. Orths Sohn. Pate war Joh. Conr. Maus und Johanna Elisabetha Löhr, meiner Frau Schwester“. Da allerdings aus dem Sterberegister hervorgeht, dass Orth bei Dienstantritt hier schon 50 Jahre, seine Frau ca. 43 Jahre alt war, ist davon auszugehen, dass sie schon Kinder hatten. 

Und wirklich finden in den Jahren 1710 und 1711 Hochzeiten statt von Johannes und Johann Philipp Orth, den beiden älteren Söhnen. Johannes und seine Frau wiederum bekommen drei Töchter und zwei Söhne, die alle vom Großvater Orth als getauft und zwei auch, einjährig, als verstorben ins Kirchenbuch eingetragen werden. Unter den Paten dieser Enkel ist u.a. ein Bürgermeistersohn aus Rosbach und ein Sohn des ersten Köpperner Pfarrers Christoph Rosenstengel, der seit 1684 die Stelle hier und in Burgholzhausen innehatte. Eine Aufgabenbündelung, die heute bei schrumpfenden Mitgliederzahlen längst wieder häufiger wird.

Pfarrer Orth hatte in Köppern ein zunehmend baufälliges Kirchengebäude übernommen und auch das Pfarrhaus, dessen Vorhandensein Bedingung für die Selbständigkeit der Pfarrei war, war schon unter dem ersten Pfarrer reparaturbedürftig, wie Rechnungen belegen. 

Orth hat dann im hohen Alter, an einen gemütlichen Ruhestand war eher nicht zu denken, den Neubau der Kirche 1727 bis 1731 begleitet. Seit 1728 war er Witwer. Dass dann am 5.8.1731 die neue Kirche mit zwei Festgottesdiensten und auch einer Trauung eingeweiht wurde, war sicher eine große Freude und Höhepunkt des langen Arbeitslebens als Leiter und Seelsorger der Kirchengemeinde. Der erste Eintrag im Kirchenbuch für 1733 meldet mit: „Den 5. Jan., Herr Pfarrer Johann Jacob Orth, alt 79 Jahre“ den Tod des Pfarrers.

Etwa zeitgleich mit Pfarrer Orth kam 1706 der 25-jährige Lehrer Johann Kilian Höck mit Frau und vermutlich vier Kindern nach Köppern. Das Paar bekam hier zusammen weitere sieben Kinder, zuletzt Zwillingstöchter, kurz nach deren Geburt Frau Anna Margarethe 1723 starb. 

Ein halbes Jahr später im Oktober heiratete Lehrer Höck erneut, im gleichen Monat starb seine 6-jährige Tochter. Es muss nicht wundern, dass so schnell die zweite Ehe geschlossen wurde, schließlich waren zwei Säuglinge und weitere Kinder bzw. Jugendliche zu versorgen. Die auf dem Grabstein genannte Frau Catharina Scharlach(in) „weyland Kümels von Seulberg relicta v.“ (vidua: Witwe), so lautet der Eintrag im Heiratsregister, brachte eine Tochter mit in die Ehe. Diese Stieftochter starb 1724 achtjährig ebenso wie die einjährigen Zwillingsmädchen. Tod und Geburt liegen wie häufig in vergangenen Jahrhunderten so dicht beieinander: im gleichen Jahr wird das erste von fünf Kindern dieser neuen Ehe geboren. 

Im Nebenberuf muss Lehrer Höck Schreiner gewesen sein, da einmal berichtet wird, dass er einer in einem Bach ertrunkenen Frau den Sarg zimmerte. Überhaupt mussten Lehrer durch verschiedene Dienste, z.B. Glockenläuten, Taufen vorbereiten, das Taufgerät zuhause verwahren und dem Pfarrer bei Haustaufen nachtragen, die Kirchenuhr warten und anderes ihr Einkommen sichern. Der Job des Lehrers (Dorfschulmeister) war überall wenig einträglich, an eine staatliche Bezahlung und Beamtentum wie heute war überhaupt nicht zu denken. Allerdings hatte die Gemeinde eine Schulmeisterwohnung zu stellen und meist mussten Schüler Schulgeld zahlen, das der Bürgermeister erhob.

Die Hauptunterrichtszeit war der Winter, im Sommer begann die Schule um 6 Uhr für zwei Stunden oder weniger, damit die Kinder zuhause bei allen landwirtschaftlichen Arbeiten eingesetzt werden konnten. Es wurde Schreiben, Lesen und Gesang für den Gottesdienst gelehrt, Rechnen und auch der Unterricht für Mädchen wurde eher vernachlässigt.

Man kann sich kaum vorstellen, wie beengt und turbulent ein Lehrerhaushalt mit dem Schulraum in der Wohnung (1748 wird das so berichtet) oder zumindest im gleichen Haus und mit einer zahlreichen Kinderschar wohl war.

1753 starb Lehrer Höck, wie auf dem Grabstein zu lesen ist, den sein zweitjüngstes überlebendes Kind, Johann Christian, gestiftet hat und schmuckvoll gestalten ließ. Gewiss lässt sich daraus auch die Liebe und Achtung des zu der Zeit 25-jährigen Sohns zum Familienvater ablesen. Im nächstfolgenden Kirchenbuch heißt es: „Hoeck, H. Johann Kilian gewesener Schulmeister allhier starb den 28ten Novembris und wurden den 30. d.m. beerdigt, alt 72 Jahr 8 Monat und 10 Tage.“

Quellen:

Blaß, Heinrich: Chronik von Köppern, Hrsg: Arbeitskreis Friedrichsdorfer Geschichte, 2. Aufl. 1996

Köpperner Kirchenbuch 1676 – 1743 

Kirchenbuch  ab 1744 

Abschrift des ältesten Kirchenbuches der Gemeinde Köppern, angefertigt Feb. 1952 G. See

Will, August: Unser Köppern von A – Z, Ausg. 2004

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